Weiterhin warm und sonnig

Die Abstände zwischen den Blogbeiträgen werden immer größer. Das tut mir leid. In den letzten Tagen fehlten neben Zeit und Lust auch ein Anlass zum Schreiben.

Always sunny

Wenn man nicht weiß, worüber man schreiben soll, ist es wie mit dem Small Talk. Man fängt am besten mit dem Wetter an und dann ergibt sich schon etwas.

Hier ist es immer noch sehr warm. Heute sollen es wieder 28 Grad werden und wir sehnen uns nach kühleren Temperaturen.

Ich vermisse einen richtigen Herbst mit Traubenlese, Bremser und Zwiebelkuchen, Apfelernte und Nebel. Wir sind seit Mitte Juli in Kalifornien und seitdem hat es vielleicht dreimal geregnet. Zum Glück kühlt es abends schnell ab, so dass man trotzdem gut schlafen kann.

Für alle, die vor nichts zurückschrecken.

Während es in Deutschland in den Geschäften schon weihnachtlich zugeht, steht hier alles im Zeichen von Halloween. Neben Gruselartikeln und Kostümen gibt es Kürbis in allen Variationen. Kürbis-Cookies, -Tortilla-Chips, -Salsa, -Kuchen, -Brot und noch vieles mehr. Mein persönliches Highlight ist „Pumpkin Spice Latte“ von Starbucks. Wenn man sich erst mal überwunden hat, schmeckt das Espresso-Gemisch ganz lecker. Außerdem habe ich einen Bausatz für ein Lebkuchen-Geisterhaus mit Zuckerknochen und -Fledermäusen erstanden. Knusperhäuschen an Weihnachten waren gestern.

Henry möchte an Halloween als Hundevampir gehen. Da er an Karneval als Polizeihund unterwegs war und seine Hundeohren mit der Polizeimütze vernäht sind, muss ich mich noch auf die Suche nach vampirtauglichen Hundelauschern machen. Im Schminken von Hundegesichtern bin ich mittlerweile Profi.

In San Francisco. Wer findet die Golden Gate Bridge?

Bei Stephan und mir steht morgen die theoretische Führerscheinprüfung an. Wer fleißig ist, arbeitet dafür ein umfassendes Handbuch durch, das es in vielen Sprachen gibt. Nur nicht in deutsch. Zum Üben kann man viele Testfragen im Internet abrufen und wie immer bei Prüfungen mache ich mich sehr verrückt damit, während Stephan die Nerven behält. Die kalifornische Fahrlizenz ersetzt den Personalausweis und muss bei vielen Gelegenheiten vorgezeigt werden. Deshalb sollten wir schon bestehen.

Zur praktischen Prüfung fährt man mit seinem eigenen Auto und nimmt den Prüfer mit. Hoffentlich ist er nicht allzu groß, sonst stößt er in meinem kleinen Fiat 500 mit dem Kopf und den Knien an, kriegt schlechte Laune und lässt mich durchfallen. Ich kenne mein Glück. Oder er kriegt einen Bandscheibenvorfall und kann nicht mehr aussteigen. Habe ich schon erwähnt dass ich Prüfungsangst habe?

Einige Verkehrsregeln sind hier anders als in Deutschland und ich habe mich an manche immer noch nicht gewöhnt. Zum Beispiel darf man normalerweise bei einer roten Ampel rechts abbiegen. Manchmal bin ich so mit dem Beobachten anderer Verkehrsteilnehmer beschäftigt (das Starren in andere Autos ist übrigens verboten), dass ich vergesse weiterzufahren. Ich merke es dann erst, wenn ein lautes Hupkonzert hinter mir losgeht. An manchen Kreuzungen gilt die 4-Way-Stop-Regel, das heisst, dass derjenige Vorfahrt hat, der zuerst da war. Kommt man gleichzeitig an, dauert es eine ganze Weile, bis man sich mit Handzeichen geeinigt hat, wer zuerst fahren darf, auch wenn es dafür wiederum eindeutige Regeln gibt. An die erinnert sich aber keiner mehr. Nirgendwo habe ich anderen Verkehrsteilnehmern so viel zugewunken wie in den USA! Also, denkt morgen mal an uns. Ich verlasse mich auf eure Daumen!

Vom coffeemeeting, das keines war

Es soll ja Kinder geben, die nach Schulschluss ohne Punkt und Komma berichten, was sie erlebt haben oder was ansteht. Henry gehört nicht dazu. Seit vier Wochen geht er nun auf die Alto International School und hält sich weitestgehend bedeckt, zumindest was Schulangelegenheiten betrifft. Trotzdem fühle ich mich gut informiert:

Newsletter

Die Schule verschickt wöchentlich einen Newsletter an alle Eltern mit wichtigen Informationen und Terminen. Außerdem bekommt man regelmäßig emails von der Elternsprecherin, unter anderem mit einer aktuellen Liste der zu vergebenden Freiwilligendienste. Von den Lehrern bekommt man emails mit allgemeinen Informationen zum Unterricht und diese Woche mit einer persönlichen Beurteilung, wie Henry den Schuleinstieg gemeistert hat. Nebenbei gibt es einmal im Monat einen Kaffeeklatsch, der freitags um 13.30 Uhr auf dem Schulgelände stattfindet. Er dient vor allem dem Kennenlernen anderer Eltern.

Letzten Freitag war ein coffeemeeting für die Eltern der Zweitklässler für 8.30 Uhr terminiert. Da ich davon ausging, dass es sich um ein coffeemeeting handelt, saß ich freitagsmorgens entspannt beim Frühstück – so lange, bis Henry meinte, dass an diesem meeting auch seine Klassenlehrerin teilnehmen würde, um von ihrem Unterricht zu berichten. So schnell war ich noch nie angezogen. Ich brachte Henry zur Schule und setzte mich dort in den Konferenzraum. Kaffee gab es tatsächlich, aber ansonsten glich das coffeemeeting dem, was man in Deutschland unter einem Elternabend versteht.

Zum Unterrichtsthema „Emotionen und der Umgang damit“ führten Schüler aus Henrys Klasse vor, was ihnen hilft, wenn sie sich schlecht fühlen: Cooper meditierte, Kai machte Yoga und Thalia las ein Buch. Danach zeigten die beiden Lehrerinnen  der zweiten Klassen eine Präsentation zum allgemeinen Unterrichtsalltag, Lerninhalte und -ziele. Es gab einen kurzen Videofilm und anschließend wurde über Hausaufgaben, das Umkleiden für den Sportunterricht, das Waschen der Sportklamotten und so weiter diskutiert. Alles wie in good old Germany, aber mir fehlte die Diskussion, ob Apfelschorle nun erlaubt ist oder nicht. 

Da die Schule privat ist und das gezahlte Schuldgeld nicht ausreicht, um alle Kosten zu decken, wird man immer wieder mit dem Thema Finanzierung und Spenden konfrontiert. So können Eltern für ein Jahr einen Parkplatz ersteigern, der ausschließlich ihnen vorbehalten ist. Ihr könnt euch vorstellen, was dort normalerweise parkt. Wie hübsch würde sich ein Fiat 500e zwischen all den dicken SUVs machen. Einfach mal ein Zeichen setzen. Wenn ich es mir nur leisten könnte…

Außerdem sind alle aufgefordert, ein Event anzubieten, dass man ersteigern kann. Manche haben ein Boot oder Ferienhaus, dass sie dafür sie zur Verfügung stellen. Oder einen Rundflug im eigenen Sportflugzeug über San Francisco im Angebot. Andere machen eine Poolparty für 10 Kinder oder ein Movie-Event mit Popcorn. Das Geld, das die Teilnehmer zahlen, kommt der Schule zugute. Mir fehlt noch eine zündende Idee, was wir anbieten könnten. Ich bin für (fast) alles offen.

Welcome new neighbors

Einladung zum Nachbarschaftsfest.

Was für ein Samstag. Schon vor einiger Zeit hatten wir eine Einladung zur Block Party in unserer Straße bekommen. Eine gute Gelegenheit, endlich unsere neuen Nachbarn kennen zu lernen. Ein paar hatten wir schon auf der Straße getroffen und dabei erfahren, dass wir nicht die einzigen Neuankömmlinge sind. Wir waren also sehr gespannt.

Um 9 Uhr morgens startete das Straßenevent mit einem Flohmarkt. Wir legten eine Picknickdecke in die Einfahrt und drapierten ein wenig Spielzeug, da wir davon ausgingen, dass nur die Kinder der Straße untereinander handeln würden. Was wir nicht wussten: An der Middlefield Road, einer stark frequentierten Straße, hatten die Kinder ein Schild aufgehängt mit dem Hinweis auf einen großen Street Garage Sale in unserer Bryson Ave.

Flohmarkt in unserer Garageneinfahrt.

Schon kurz nach 9 ging es hier zu wie auf einem arabischen Basar. Stephan und ich reagierten schnell, zogen das Garagentor auf und packten alles raus, was von Deutschland unnötigerweise mit umgezogen war. 

Lampen, Teppiche, ein Kindersitz, Koffer, Elektro-Kram, Kleidung und Spielzeug wechselten den Besitzer. Es machte einen Riesenspaß. Stephan musste zwischendurch zum Geldautomaten fahren um Wechselgeld zu besorgen. Natürlich schauten wir auch, was die Nachbarn anboten und Henry kaufte sich ein paar Heelys für 5 Dollar. Heelys sind eine Mischung aus Roll- und Skater-Schuh mit einer in der Sohle versenkbaren Rolle. Man kann mit ihnen normal laufen oder skaten.

Am Dunes Beach

Um 13 Uhr war der Flohmarkt vorbei und wir packten unsere Strandsachen, um zur Beachparty von Henrys Schule zu fahren. Sie fand am Dunes Beach in Half Moon Bay statt. Von halb 3 bis 5 Uhr saßen wir also am Strand, Stephan bekam seinen obligatorischen Sonnenbrand und Henry hatte Spaß am Wasser. Um 5 packten wir wieder alles ein, fuhren nach Hause und machten uns für das Straßenfest fertig.

Die Nachbarn hatten an alles gedacht: Straßensperrung, Riesen-Gas-Grill, Zelt mit Buffett, ein Nachbarsjunge gab den DJ und ein anderer begeisterte alle bis 12-Jährigen mit seiner Riesen-Popcornmaschine. Die Stimmung war super und es war leicht, mit den Nachbarn ins Gespräch zu kommen.

Mary mit der leckeren Schokotorte.

Am längsten wohnt hier Mary, deren Haus ihr Vater vor rund 70 Jahren für 17.000 Dollar gebaut hat. Mit ihrer Immobilie ist sie heute eine reiche Frau. Wir wurden von ihr mit einer herzlichen Umarmung begrüßt. Mary war außerdem verantwortlich für eine bombastische Schokotorte, die uns mit der Aufschrift „Welcome new neighbors“ anlachte.

Zwei Häuser weiter von uns wohnt noch eine Tina. Sie kommt aus Shanghai, hat dort die letzten Jahre gelebt, ist aber in den USA aufgewachsen. Wir haben trotz meiner Englischkenntnisse über Gott und die Welt geredet, zum Schluss landeten wir bei Haushaltshelfern, die unser Leben veränderten. Sie hat einen Roboter-Staubsauger, der zwar nicht besonders intelligent ist, ihr aber ein gutes Gefühl gibt. Außerdem erfuhren wir, zu welchem Friseur alle Nachbarn gehen und in welchem Block es an Halloween am gruseligsten zugeht. Mal ehrlich, ein noch so toller Reiseführer kann einfach keine Nachbarn ersetzen.

Auf der Suche nach Abkühlung

Ikea-Ausfahrt in East Palo Alto

Was tut man, wenn es über 40 Grad heiß ist, man in einem ungedämmten Holzhaus wohnt und keine Klimaanlage hat? Richtig. Man fährt zu Ikea in East Palo Alto. Natürlich waren wir nicht die Einzigen, die auf die Idee kamen. Der schwedische Möbelriese war so voll wie die Wiesbadener Fußgängerzone an Allerheiligen. Nur bunter. Inder, Chinesen, Japaner, Franzosen, Schweden, Mexikaner – hier geht’s international zu und ohne Probleme hätten wir alle gemeinsam eine prima Benetton-Werbung abgegeben, nur ohne Wollpullis.

Ganz entspannt

Nach langer Parkplatzsuche und einem flotten Gang über den flirrend heißen Parkplatz konnten wir im wohltemperierten Möbelhaus erst einmal tief durchatmen. Manche waren so erschöpft, dass sie auf den Ausstellungsstücken einschliefen. Danach sehnten wir uns auch, die Hitze schlaucht ungemein, aber inmitten einer durchlaufenden Menschenmenge wegzuknacken – Hut ab. Die Kunden werden vom Personal auch nicht geweckt und ich habe mich gefragt, ob ab und zu mal jemand kontrolliert, dass noch alle atmen.

Speisekarte

Auch in East Palo Alto muss man nicht auf Kötbullar verzichten. Sie heißen hier Swedish Meatballs und sind für 5,99 Dollar zu haben. Wir machten um das Restaurant einen großen Bogen, denn es platzte aus allen Nähten. Stattdessen packten wir eifrig Lampen, Schüsselchen, die obligatorischen Teelichte, Vorhänge, Badezimmermatten und ein bisschen Deko in unseren Einkaufswagen. Und ein kleines Wohnzimmer-Regal für die Fische, damit sie nicht mehr länger im Bad stehen müssen.

Schlangen vor den Kassen

Als uns nichts mehr einfiel, gingen wir zu den Kassen. Hier waren die Schlangen so lang wie im Restaurant, doch es ging zum Glück schneller voran. Während Stephan zum Bezahlen anstand, stellte ich mit mit Henry beim Ikea-Food-Shop an. Für ein Ein-Dollar-fat-free-frozen-yogurt-ice haben wir eine halbe Stunde gewartet. Aber versprochen ist versprochen. Henry hatte während des Einkaufs hart dafür gearbeitet und sich das Jammern verkniffen.

Doch wie das bei Ikea so ist: Man fährt IMMER zweimal hin. Natürlich passt die neue Lampe nicht über den Esstisch und deshalb wird sie umgetauscht. Aber wann, das wissen wir noch nicht. Die Temperaturen sollen jetzt Gott sei Dank erstmal wieder fallen.