Sinneswandel

Wir sind bereit.

Wer Stephan und mich kennt, weiß, dass wir trotz Mainzer Wurzeln mit Fassenacht und Verkleiden nichts am Hut haben. Umso lustiger, dass wir uns vor langer, langer Zeit auf einer Mainzer Fastnachtsfete kennen gelernt haben. Wir hatten gleich etwas gemeinsam – wir waren die einzigen Unkostümierten. Wären wir damals als Pirat und Krankenschwester unterwegs gewesen- vielleicht wäre alles ganz anders gekommen. Aber ich möchte nicht abschweifen.

Letzte Woche überraschte ich mich selbst, als ich mich einen Kostümladen in Redwood City ansteuern sah. Schließlich ist in ein paar Tagen Halloween. Hier muss man nicht auf aufgesetzt gute Laune machen, an Halloween ist es umso besser, je böser und grimmiger man guckt. Genau mein Ding.

Wie Polly das wohl findet?

Das „House of Humor“ ist ein echtes Erlebnis. Hier gibt es eine Riesenauswahl an Kostümen für Mensch und Tier – ob Astronaut, Geisterjäger, Hippie, Elvis, Freiheitsstatue oder Keks. Meterhohe Wände sind voll mit Perücken, Accessoires und Halloween-Deko. Alles ist ziemlich teuer und Umtausch und Rückgabe sind ausgeschlossen. Ich kaufte für Stephan einen Vampirumhang und für mich ein Zombie-Shirt. Außerdem ein paar Gummiratten und graues Haarspray. Henry hat nur noch ein paar Hundepfoten-Handschuhe gebraucht.

Die nächsten Tage werden wir zum ersten Mal Halloween in Amerika erleben und wir sind schon sehr neugierig. Die Vorbereitungen sind abgeschlossen: Das Haus ist dekoriert, die Süßigkeiten eingekauft. Wir haben sogar eine Lichtinstallation, mit der wir grüne Fledermäuse auf unsere Garage projizieren können. Das ist aber nichts gegen die Nachbarn, die noch Nebelmaschinen und Sound auffahren. Schon am Wochenende gibt es hier einige Veranstaltungen, darunter ein Fotoshooting für kostümierte Hunde. Henry hat ein Kostüm für Polly entworfen und bislang versuche ich ihn noch vergeblich von dem Vorhaben abzubringen. Es fällt mir schwer, denn ehrlich gesagt finde ich es ziemlich witzig. Arme Polly.

Never ending summer mit Schnupfennase

Schal ausgepackt – und wieder eingepackt

Nachdem es hier letzte Woche nach einer Nacht Regen etwas abgekühlt hatte, gingen wir davon aus, dass es nun endlich Herbst wird. Aber weit gefehlt. Heute wird es wieder 29 Grad und die Sonne knallt weiterhin vom strahlend blauen Himmel. Ich hab Kreislauf, denn seit dem Wochenende kämpfe ich mit einer Erkältung, was sich bei diesen Temperaturen ganz merkwürdig anfühlt. Es ist, als würde der Sommer hier nie zu Ende gehen. Tatsächlich ist es für Oktober für diese Gegend ungewöhnlich warm.

 

Ein paar Autominunten außerhalb von Palo Alto: Der Landschaft sieht man den trockenen Sommer an.

Apropos krank: Letzte Woche hatte ich zum ersten Mal einen Termin bei meinem neuen Hausarzt. Ich hatte nichts akutes und wollte mich einfach mal bei ihm vorstellen, um über ein paar Wehwehchen zu klagen, die ich schon eine Zeitlang mit mir herumschleppe. Mein Hausarzt praktiziert in der Palo Alto Medical Foundation, wo viele medizinische Fachbereiche unter einem Dach vereint sind. Ich war von meinem Arztbesuch mehr als angetan. Jeder Mitarbeiter ist freundlich und der Arzt nahm sich Zeit, zeigte Interesse und wurde aktiv. Unter anderem schickte er mich direkt zur Blutabnahme ins Labor. Dort musste ich nur wenige Minuten warten, bis eine einfühlsame Mitarbeiterin mir nicht nur Blut abnahm, sondern auch noch die Hand hielt.

Keine drei Stunden später bekam ich eine email von meinem Arzt mit den Blutergebnissen, einem netten Gruß und der Bitte, mir einen Termin bei einem Kollegen geben zu lassen. Die Telefonnummer schickte er gleich mit. Ich habe mich in diesem Moment gefragt, welche Krankenversicherung Stephan für uns abgeschlossen hat und ob wir uns die auch wirklich leisten können.

Mit Danny vor Ricks Eisdiele.

Am Wochenende wurde unser Gästezimmer eingeweiht – von Danny aus München. Sie reist während ihres Sabbaticals drei Monate um die Welt. Leider ist sie krank geworden, so dass wir nicht viel unternehmen konnten. Und am Montag ist sie schon wieder weitergefahren nach San Francisco. Immerhin haben wir eine Fahrradtour zu Rick’s Eisdiele geschafft.

Neben Danny haben wir am Sonntag auch Besuch von Susanne bekommen. Ich habe sie und ihren Hund Gracey vor einiger Zeit im Dogpark kennen gelernt. Sie wohnt nur fünf Gehminuten von uns entfernt und kommt gerne bei uns vorbei. Dabei ist sie meistens mit etwas selbst gebackenem bewaffnet, einer Blueberry-Tarte, Cookies oder einem Apple-Cake. Wenn wir hier kugelrund werden, liegt es nicht an Pommes, Hamburgern und Icecream, sondern allein an Susannes Backkünsten.

Susannes Blueberry-Tarte. Yummie!

Sie spricht mehrere Sprachen, darunter deutsch, obwohl sie schon so lange hier lebt. 1938 ist sie im Alter von zwei Jahren mit ihrer Familie aus Hamburg vor den Nazis geflohen.

Eigentlich wollte mich Susanne beim Englisch lernen unterstützen. Das sieht in der Praxis so aus, dass sie mich mit „hello my dear“ begrüsst. Anschließend reden wir wieder deutsch, weil sie die Sprache so mag. Ich dagegen mag ihre offene Art, ihre Neugier im positiven Sinne und ihre Großzügigkeit. Wir genießen ihre Besuche sehr und es ist schön, dass ich mich ab und zu mit einem German Bread bei ihr revanchieren kann.

Erste Herbstferien

Da kriegt selbst Polly Angst

Henry hatte in der letzten Woche fallbreak. Eigentlich kennen die Kalifornier keine Herbstferien, aber auf Henrys internationaler Schule ticken die Uhren anders. Herbst in Kalifornien ist eine merkwürdige Angelegenheit. Die Bäume verfärben sich zwar langsam, aber die Temperaturen sind immer noch hochsommerlich. Die einzigen Anzeichen für die dritte Jahreszeit sind die aufwändigen Halloween-Dekorationen, die man hier schon Anfang Oktober auffährt. Wir machen natürlich mit und haben jetzt eine auf Knopfdruck röchelnde Mumie mit rot blinkenden Augen adoptiert, die nun unseren Eingangsbereich ziert. Stephan zerbricht sich schon den Kopf darüber, wie er sie von drinnen steuern kann, damit sie röchelt, sobald ein Besucher vor der Tür steht.

Henrys Ferien wären eine prima Gelegenheit gewesen um wegzufahren, denn in den meisten Freizeitparks ist im Oktober tote Hose und die Kinder haben in Begleitung ihrer Eltern freien Eintritt. Aber leider hat Stephan noch keinen Urlaub gekriegt.

Vielleicht war es auch besser so, denn die Brände in Kalifornien hätten unsere Reisepläne eventuell zunichte gemacht. Obwohl wir rund Hundert Kilometer weiter südlich wohnen, waren wir auch hier von den Auswirkungen betroffen. An manchen Tagen wurde empfohlen drinnen zu bleiben, da die Luftqualität gesundheitsgefährdend war. Zeitweise roch es draußen stark nach Verbranntem. Doch das ist natürlich nichts im Vergleich zu dem, was die direkten Opfer der Brände erleben. Mittlerweile werden in der Bay Area Helfer gesucht, die die Menschen bei sich Zuhause aufnehmen können.

Mit Sybille und Eva vor dem Giraffengehege

Damit die Langeweile in den Ferien nicht überhand nimmt, haben wir am Dienstag zusammen  mit Sybille und ihrer Tochter Eva den Zoo in San Francisco besucht. Der Zoo beherbergt rund 250 Tierarten und er ist so weitläufig, dass wir es nicht geschafft haben, uns alle anzusehen. Die Anlage ist vor allem für Kinder ein Erlebnis. Neben einem großen Spielplatz sind auf dem ganzen Gelände viele Tier-Objekte verteilt, die man erklettern und erkunden kann. Manche Tiere werden spazieren geführt und die Kinder dürfen sie streicheln. Allerdings kommt danach sofort ein emsiger Zoomitarbeiter und desinfiziert einem die Hände – ob man will oder nicht.

Ganz schön borstig

Der Zoo ist zwar groß, aber die Welt doch klein: Als wir noch in Saulheim wohnten, erzählte mir meine Freundin Bine aus Zornheim, dass sie in einem Restaurant zufällig eine Frau kennengelernt hat, die in der Nähe von San Francisco wohnt. Sie war gerade auf Heimaturlaub in Zornheim. Und als wir nun im Zoo unterwegs waren, rief Sybille auf einmal: „Hallo Melanie, wie geht’s?“

Ich treffe also Melanie aus Zornheim zusammen mit ihren beiden Kindern im Zoo von San Francisco. Sybille kennt sie, da ihre Kinder auch auf die Schule in Palo Alto gehen. Ich würde mich ja wieder einkriegen, wenn ich sie in der Schule getroffen hätte, aber im Zoo?

Helfen gegen Heimweh

Und für alle Besorgten, die wissen wollen, was meine selbst gebackenen Brote machen: Nach einigen Versuchen, die leider entsorgt werden mussten (Teig zu glitschig, Küchenwecker nicht gehört…), hat sich der Erfolg schließlich eingestellt. Ich habe mittlerweile Norbert und einen noch namenlosen Weizensauerteig im Kühlschrank und dank ihrer Hilfe produziere ich lockere, feinporige Sauerteigbrote mit knuspriger Kruste. Sie schmecken fantastisch, ich kann nicht anders, als mich selbst zu loben. Die Brote knistern, wenn sie abkühlen. Als wollten sie mir etwas sagen. It’s magic!

Die Sache mit dem Brot

Amerikanisches Gummibrot

Wer im Silicon Valley lebt, muss auf deutsches Brot nicht verzichten,„Esther’s German Bakery“ sei Dank. Man zahlt aber das Dreifache von dem, was in Deutschland ein gutes Sauerteigbrot oder ein Laugenbrötchen kostet.

Da ich gerne selbst Brot backe, bin ich davon ausgegangen, uns hier einfach selbst versorgen zu können. Mit meinem geliebten Brotbackbuch von Brotpapst Lutz Geissler im Gepäck wähnte ich mich auf der sicheren Seite. Die Rezepte sind leicht nachzumachen und die Brote schmecken super. Das Geheimnis liegt darin, nur ein halbes Gramm Frischhefe zu verwenden und das Brot 24 Stunden gehen zu lassen. Auf der ersten Seite des Backbuches sind kreisrunde Schablonen zum Abschätzen der Hefemengen. Man rollt die Hefe zu einer kleinen Kugel zusammen und gleicht sie mit der Schablone ab. Ganz einfach.

Backbücher von Lutz Geissler

Mit der Frischhefe fingen meine Probleme an. Es gibt hier keine, der Amerikaner backt mit Trockenhefe. Das allein ist nicht schlimm, die Rezepte lassen sich einfach umrechnen. Aber wie messe ich Mengen zwischen 0,1 und 0,5 Gramm Trockenhefe ab?

Ich musste mir wohl oder übel eine digitale Feinwaage zulegen, mit der ich jetzt auch Gold ankaufen oder Medikamente selbst herstellen kann. Nicht auszudenken, wozu das Gerät noch fähig ist.

Ich buk eine Weile recht erfolgreich Weizenmehlbrote mit Hefe. Doch nach einigen Wochen sehnte ich mich nach einem richtigen Roggen-Sauerteigbrot. Wie es der Zufall so will, hat Lutz vor kurzem ein Sauerteig-Backbuch herausgebracht. Online bestellt, machte es die Reise über den großen Teich. Für die Portokosten hätte ich Esther’s Bakery aufkaufen können, aber das war es mir wert.

Norbert

Einen Sauerteig zu züchten ist gar nicht so schwer. Da er es gerne warm mag, durfte er tagsüber ein Sonnenbad im Küchenfenster nehmen. Abends wickelte ich ihn in eine vorher aufgewärmte Decke. Henry fühlte sich vernachlässigt, doch dem Sauerteig ging es prima und nach rund fünf Tagen war seine Geburt vollbracht. Lutz empfiehlt, dem Sauerteig einen Namen zu geben, da man auf diese Weise weniger Gefahr läuft, das regelmäßige Füttern zu vergessen. Meiner heisst Norbert.

Meinem ersten Sauerteigbrot stand nichts mehr im Wege. Ich musste nur noch Roggenmehl Type 1150 besorgen. Doch nach einem Blick in das übersichtliche Mehlregal des Supermarktes stellte ich fest, dass es Roggenmehl mit der in Deutschland üblichen Typenbezeichnung hier nicht gibt. Mein Supermarkt um die Ecke verkauft genau ein Roggenmehl. Es heißt „Dark Rye Flour“ und ist ein Roggenvollkornmehl.

Ich googelte mir einen Wolf und fand auf einschlägigen Webseiten hilfreiche Tipps. Roggenmehl Type 1150 lässt sich aus „Medium Rye Flour“ und „White Rye Flour“ selbst mischen. Ich bekam den Tipp, einen „Whole foods market“ aufzusuchen. Das ist ein Bio-Supermarkt mit einem riesigen Angebot an verschiedenen Mehlsorten, darunter Kokosnussmehl, Maismehl, Haselnussmehl, Mandelmehl, Pekanussmehl, Reismehl und sogar grünes Bananenmehl. Und einer Sorte Roggenmehl: Vollkorn.

Mittlerweile habe ich das Mehl bei „King Arthur Flour“ im Internet bestellt. Es wird mir per FedEx geliefert und ist immer noch unterwegs. Fragt nicht, was es inklusive Lieferung gekostet hat.

Ich hoffe, dass mein Sauerteig bis zum Eintreffen nicht die Grätsche macht. Ich rede ihm jeden Tag gut zu und füttere ihn regelmäßig. Und sollte die Frage auftauchen, warum ich nicht einfach ein Roggenvollkornbrot backe: Mann und Kind mögen es nicht.