Kartoffelklöße auf transsylvanisch

Henry und Polly

Jetzt sind wir schon über einem halben Jahr hier. In fünf Monaten kommen wir wieder nach Deutschland. Aber nicht um zu Bleiben. Wir haben entschieden, nach ein paar Wochen in good old germany für ein weiteres Jahr zu unserer überteuerten Bretterbude in Palo Alto zurück zu kehren.

Würden wir bereits in diesem Jahr nach Deutschland zurück gehen, müssten wir Stephans Arbeitgeber, der unseren Übersee-Umzug voll bezahlt hat, einen Teil der Kosten zurück erstatten. Wir spaßen zur Zeit darüber, dass wir wohl für immer hier bleiben müssen, weil wir uns den Umzug nicht leisten können. Haha. Noch können wir darüber lachen.

Aber Themenwechsel: Auf der Silvester-Party unserer Nachbarin Keva habe ich Renat kennen gelernt. Sie wohnt auch in unserer Straße und kommt ursprünglich aus Israel. Bevor sie vor drei Jahren nach Palo Alto gekommen ist, hat sie zehn Jahre in Australien gelebt. Sie liebt den Tapetenwechsel, kämpft aber trotzdem mit Heimweh. Da sie auch gerne Brot backt und auf der Party mit ihrer tollen Kaffeemaschine angegeben hat, verabredeten wir uns. Guter Kaffee ist hier schließlich schwer zu finden.

Renats Geheimwaffe.

Renat arbeitet im Marketing und hat vor einigen Wochen ihren Job verloren, weil sie sich das Bein gebrochen hat. Sie ist verheiratet und hat drei Söhne im Alter von 3, 9 und 12 Jahren. Das Einkommen ihres Mann reicht für den Lebensunterhalt im Silicon Valley nicht aus. Die Betreuung für ihren 3-Jährigen kostet allein 2200 Dollar im Monat, und da ist noch nicht mal ein Mittagessen dabei.

Ihre Familie hat sich in den letzten Wochen mehrmals gefragt, warum sie gerade hier leben, in einer der teuersten Regionen der Welt. In der Zwischenzeit ist ihr Beinbruch zum Glück genesen und sie hat seit gestern einen neuen Job, den sie in vier Wochen antreten wird. Ich freu mich für sie und bin froh, dass sie und die Jungs uns vorerst erhalten bleiben.

Bis sie wieder arbeitet und dann nur noch am Wochenende Zeit hat, wollen wir ein paar Rezepte ihrer transsylvanischen Oma ausprobieren. Sie gerät ins Schwärmen, wenn sie von deren Kochkünsten erzählt. Und nach unserem Kochevent am Sonntag weiß ich auch warum. Wir haben uns an Zwetschgenknödeln versucht, für deren Zubereitung es wohl unzählige Rezeptvarianten gibt. Wir hielten die Fahne für Transsylvanien hoch und haben keine Kosten und Mühen gescheut, um sie perfekt zuzubereiten.

Kroatisches Zwetschgenmus für die Füllung

Die wichtigste Zutat sind mehlig kochende Kartoffeln. Nur leider findet man auf amerikanischen Kartoffeltüten keine Hinweise auf die Kocheigenschaft. Hier sind Kartoffelknödel auch weitestgehend unbekannt. Doch Renat war schlau. Sie fragte im „Fine Food Piazza“ nach Kartoffeln, die für die Zubereitung von Gnocchi geeignet sind. Der Supermarkt gehört zwar zu den teuersten in Palo Alto, aber dafür wissen die Mitarbeiter auch, was sie verkaufen.

Ich fuhr indessen zu Crossroads, einem unscheinbaren Geschäft mit einer faszinierenden Auswahl an Lebensmitteln aus aller Welt. Hier kaufte ich neben Ritter Sport, Haribo, Düsseldorfer Senf und Teekanne-Tee kroatisches Zwetschgenmus für die Füllung der Klöße.

Ich schreibe das deshalb so genau auf, weil wir während Renats Arbeitslosigkeit darüber scherzten, dass wir einen Food-Blog machen und damit reich werden. Zum Glück hat Renat nun einen neuen Job und die Idee ist wieder vom Tisch. Trotzdem möchte ich euch das Rezept nicht vorenthalten, auch wenn ich hier nicht mit hippen Food-Blog-Bildern aufwarten kann.

Das Rezept auf hebräisch. Nicht vergessen: Man muss es von rechts nach links lesen.

Potato-Plum-Dumplings oder:

Transsylvanische Kartoffelknödel mit Zwetschen

Zutaten:

1 Kilogramm Kartoffeln
1 bis 2 Eier
30 Gramm geschmolzene Butter
eine Prise Salz
Mehl (die Menge hängt von der Konsistenz des Teiges ab – er muss sich gut kneten und ausrollen lassen)
1 Glas Zwetschgenmus
Semmelbrösel
Zimt und Zucker nach Geschmack

 

Vom Teig…

Zubereitung:
Kartoffeln garen und anschließend schälen. Durch eine Kartoffelpresse drücken. Ein bis zwei Eier, geschmolzene Butter und eine Prise Salz zu den Kartoffeln geben. Mit den Händen zu einem homogenen Teig kneten. Je nach Konsistenz des Teiges Mehl dazu geben.

Auf einer bemehlten Arbeitsfläche den Teig 0,5 Zentimeter dick ausrollen. In 5×5 Zentimeter große Quadrate teilen. Auf jedes Quadrat einen Teelöffel Zwetschgenmus und eine Prise Zimt geben. Quadrate zu Klößen formen und diese in kochendem, gesalzenem Wasser circa 20 Minuten garen. Das Wasser darf nur leicht kochen, da die Klöße sonst zerfallen.

… zum Knödel. Unscheinbar, aber lecker!

Semmelbrösel mit etwas Butter in einer Pfanne leicht anrösten. Die gegarten Klöße darin wälzen und mit Zimt und Zucker bestreuen.

Eat and enjoy!

Mit meinem ersten und letzten Food-Blog-Beitrag grüße ich vor allem meine Freundinnen Bine und Nicole, die ich vor einigen Jahren in einem Afrikanischen Kochkurs kennen gelernt habe und seitdem nicht mehr missen möchte. Über die Spätzle-Reibe, die gestern vom Postboten gebracht wurde, habe ich mich mega gefreut!

Von wegen: It never rains…

Wer demnächst nach San Francisco fliegt und sich beim Blick aus dem Fenster in Höhe Palo Alto über ein blaues Bauwerk wundert, der weiß jetzt: Da wohnen WIR. Und das kam so:

Pollys Meinung zum Wetter

Seit ein paar Tagen regnet es und seit gestern so stark, als gäbe es kein morgen. Der Himmel hat nach monatelangem Schlummerschlaf seine Schleusen geöffnet und kriegt sich nun gar nicht mehr ein. Bei Starkregen in einem unisolierten kalifornischen Holzhaus zu sitzen hat was von Camping. Der Regen prasselt laut gegen Fenster und Wände, man hat das Gefühl, gleich davon zu schwimmen. Aber wenigstens ist es trocken, dachte ich, bis ich in die Garage ging und dort die Wäsche in die Maschine stopfte. Ein eiskalter Wassertropfen lief mir den Nacken runter, und ihm folgten noch einige weitere. Das Flachdach über Waschmaschine und Trockner war vom vielen Regen durchgeweicht.

Kunst am Bau

Unser Vermieter, faule Socke und Fuchs in einem, schlug  vor, einen Eimer unterzustellen. Das hielten wir für eine außergewöhnlich gute Idee und teilten ihm das auch mit. Daraufhin bekam er Schiss, das wir die Miete mindern. Er schickte uns zackig einen Arbeiter vorbei. Der junge Mexikaner hatte den Auftrag, eine Plane auf dem Dach zu verlegen, um die undichte Stelle abzudecken. Als er dann da oben stand und feststellte, dass er in seinem Leben noch nichts Großes erreicht hatte, dachte er wohl beim Anblick des quietschblauen Plastiks: „Hey, was Christo kann, kann ich schon lange.“ Und kaum hatte er den Gedanken fertig gedacht, war das Dach mitsamt Haus verhüllt. Wir warten nun auf die ersten japanischen Touristen.

Geheimwaffe gegen Apple-Viren

Obwohl das Wetter für die Jahreszeit typisch ist, weigert man sich, die Infrastruktur des Valleys anzupassen. Gestern Abend waren wir zum Beispiel ohne Strom. Es machte kurz fziepz und das Licht ging aus, gemeinsam mit allen anderen elektrischen Geräten im Haus. Panisch weckte ich Stephan, der seit dem Wochenende mit einer fiebrigen Erkältung kämpft und bereits tief und fest geschlummert hatte. Es geht gerade ein Apple-Virus rum. Aber keine Sorge, es legt keine Rechner flach, nur die Mitarbeiter.

Während ich nach dem Sicherungskasten suchte, schaute er nur kurz aus dem Fenster, um festzustellen, dass die gesamte Straße ausgeknipst war. Dann legte er sich wieder ins Bett. Ich hingegen manövrierte mich mit einer Taschenlampe bewaffnet ins Bad und anschließend ins Bett. Ich träumte von eiskalten Duschen und aufgetauten Gefrierschränken. Zum Glück dauerte der Stromausfall nicht lange.

Auch Autofahren ist bei diesen Wetter ein Abenteuer, wenn man nicht gerade mit einem Monster-Truck unterwegs ist. Vollgelaufenen Schlaglöchern kann man noch ausweichen, aber die extra angelegten Straßenmulden zur Geschwindigkeitsminderung sind tückisch. Sie stehen so voller Wasser, dass ich jedesmal Angst habe, mit meinem kleinen Fiat darin abzusaufen. Hoffentlich kriegt sich der Himmel bald wieder ein.

Auf zum Winter Sale

Shoppen gehen ist im Silicon Valley eine sauteure Angelegenheit. Deshalb habe ich mich heute auf den Weg in mein Lieblings-Einkaufszentrum gemacht, das „Town and Country Village“ in Palo Alto. Hier gibt es, eingebettet zwischen einer Pizzeria und einem Cupcake-Laden, das … Trommelwirbel…. „Sur la table“.

Im „Sur la table“

Dieses Küchengeschäft, in dem man von der Knoblauchpresse bis zur mehrere tausend Dollar teuren High-Tech-Kaffeemaschine alles bekommt, lockt zur Zeit mit einem Winter Sale und 20 Prozent Rabatt. Also nichts wie hin. Ich wollte so ein Ding kaufen, mit dem man Spätzle machen kann. Henry liebt Käsespätzle und ich war es leid, für eine Tüte getrocknetes Mehl-Ei-Gemisch im World Market jedesmal 5 Dollar zu bezahlen.

Doch während „Sur la table“ von allem, was man sich nur vorstellen kann, eine Riesenauswahl hat, gab es nur eine einzige Spätzle-Reibe. Sollte der alteingesessene Amerikaner vielleicht keine schwäbische Hausmannskost mögen? Die Reibe, made in China, kostete stolze 25 Dollar und sah aus, als würde sie von 12 bis Mittag halten. Also Planänderung. Wenn ich schon mal da war, wollte ich auch Geld ausgeben. Aber für was?

Ich ging ein Regal weiter und stand wie bereits zwei Wochen zuvor, als ich als ich auf der  Suche nach einem Raclette-Gerät schon einmal bei „Sur la table“ aufschlug, fassungslos vor einem „Indoor Gardening System“ für „Gourmet Herbs“ – also Petersilie, Schnittlauch und Basilikum. Vor Weihnachten kostete es unglaubliche 230 Dollar, jetzt war es auf 140 Dollar runtergesetzt. Es ist ausgestattet mit 100 Hochleistungs-LED-Leuchten, damit die Kräuter es immer schön hell haben, und einem LCD-Display, das einen durch jeden Schritt des Wachstumsprozesses führt: Vom Säen über das Düngen und Bewässern bis hin zur Ernte. Der Clou: Steuern lässt sich das „Naturerlebnis für Nerds“ mit dem Smartphone. Fehlt nur noch eine Webkamera, mit der man seinen Kräutern beim Wachsen zusehen kann, während man sich die Nägel lackiert.

Wer kauft so etwas? Augenscheinlich niemand, und das beruhigt mich. Die Regale waren noch brechend voll.

Gurkenschlange war gestern

Zum Glück habe ich dann doch noch etwas wirklich Sinnvolles gefunden: Einen Toast-Ausstecher für Monster-Egg-Toasts und ein Backbuch mit dem vielversprechenden Titel „The perfect cookie“. Während ich an Weihnachten noch stoisch die deutsche Fahne für Zimtsterne & Co. hochgehalten hatte, ist die Zeit nun reif für neue Erfahrungen in Form von „Thin Chocolate-Mint Cookies“ und „Hazelnut Lemon Curd Thumbprints“. Ich bin gespannt, wie Stephan und Henry darauf anspringen. Für neue kulinarische Erlebnisse sind sie ja generell offen, Hauptsache, es schmeckt wie immer.

 

Happy new year everybody!

Wie die Zeit vergeht. Der letzte Blog-Eintrag ist eine halbe Ewigkeit her und ich kann es keinem übel nehmen, wenn er sich nicht mehr auf diese Seite verirrt. Aber umso größer ist die Überraschung, wenn dann doch wieder ein paar Zeilen zu lesen sind.

Truthahn-Deko an Thanksgiving

Mittlerweile haben wir unser erstes Halloween, Thanksgiving und Weihnachten in Kalifornien gefeiert. An Thanksgiving gab Stephans Arbeitgeber seinen Mitarbeitern eine Woche frei. Der Mann hatte den Urlaub dringend nötig und entspannte, was das Zeug hielt. Thanksgiving selbst war ein ganz gewöhnlicher Tag, da wir nirgends eingeladen waren und das Fest für uns keine Bedeutung hat. Ungewöhnlich war nur, dass im Land der unbegrenzten Öffnungszeiten die Geschäfte frühzeitig zumachten. Aber das war auch alles.

Im Gegensatz zu Thanksgiving hatte ich an unser erstes amerikanisches Weihnachtsfest bestimmte Erwartungen. 45 Weihnachtsfeste in Deutschland hinterlassen schließlich Spuren. Sie führten dazu, dass ich bereits im Oktober das Übersee-Paket von Lebkuchen Schmitt im Internet bestellte. Es war eine teure Angelegenheit, die ich nicht weiter erläutern möchte. Nur soviel: Die Kosten für 4 Kilogramm Lebkuchen und Porto hielten sich die Waage. Stephan freute sich so lange darüber, bis wir feststellten, dass man auch fernab der Heimat in vielen Supermärkten Lebkuchen günstig kaufen kann. Neben Marzipan, Stollen und Schokonikoläusen.

Der Weihnachtsbaum kostete ein Vermögen, war aber dafür der schönste, den wir je hatten.

Doch obwohl wir damit kulinarisch bestens versorgt waren, wollte sich keine weihnachtliche Stimmung einstellen. Mit viel Sonnenschein und Temperaturen um die 18 Grad war es im Dezember einfach zu warm. Kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, Glühwein zu trinken, aber Weihnachtsmärkte gab es sowieso keine. Hier trinkt man zur Weihnachtszeit Eggnog. Das ist ein Milchmischgetränk mit Sahne, Ei, viel Zucker und Muskatnuss. Man trinkt es warm oder kalt, aber ehrlich gesagt ist die Temperatur egal, es schmeckt weder noch. Genießbar ist einzig die Variante mit einem ordentlichen Schuss Rum.

Aufgeblasener Weihnachtsdackel auf Plastikrasen.

Direkt nach Halloween tauschten die Kalifornier ihre Gruseldeko gegen ihre gewöhnungsbedürftige Weihnachtsdeko. In unserer Nachbarschaft standen unzählige riesige, aufblasbare Weihnachtsfiguren, je bunter, desto besser. Ich habe viele Leute in vorsätzlich hässlichen Rentierpullis gesehen, die blinkende Lichterketten um den Hals trugen. Weihnachten in Kalifornien ist eher eine spaßige Angelegenheit, die wenig mit Besinnlichkeit und Innehalten zu tun hat. Aber das hat was für sich. Für die Amerikaner ist das wichtigste Familienfest Thanksgiving, und dadurch ist an Weihnachten vieles entspannter.

Henry hatte viel Spaß beim Snowboard fahren.

Den Heiligabend haben wir in einer urigen Holzhütte am Lake Tahoe verbracht. Es lag ein bisschen Schnee und Henry und Stephan nutzten die Gelegenheit zum Snowboard fahren. Die Landschaft ist wunderschön, wir hatten tolles Wetter und haben die Woche dort sehr genossen.

Pünktlich zu Silvester waren wir wieder zurück. Unsere Nachbarn hatten uns zu einer Party eingeladen, von 17.30 Uhr bis 21 Uhr, wegen der Kids. Das Buffett bestand aus Crackern und Käse, die die Gastgeberin von ihrem Ikea-Einkauf mitgebracht hatte und sehr viel Alkohol. Im Wohnzimmer war ein riesiges Mischpult aufgebaut, und der zwölfjährige Sohn legte mit ernster Miene echte Schallplatten auf. Das Highlight war eine beeindruckende Lightshow, die das Wohnzimmer in eine bunt flackernde Disco verwandelte. Alles zusammen führte dazu, dass ich mich gegen halb 9 auf der temporären Tanzfläche wiederfand und mit der Gastgeberin im ultrakurzen Leoparden-Minikleid und ihrer Schwiegermutter in Leoparden-Leggins zu 80er Jahre Mucke abzappelte. Den Leoparden-Trend scheine ich verpasst zu haben, was aber nicht schlimm ist, da ich mit der Gastgeberin demnächst shoppen gehe und dann wieder auf dem neuesten Stand bin. Und die Schwiegermutter möchte mich gerne adoptieren. Um 21 Uhr stießen wir gemeinsam mit der Ostküste auf das neue Jahr an, fielen uns in die Arme und wurden anschließend zur Tür rausgeschoben.

Was das neue Jahr wohl bringen wird?